Wir müssen reden (aber anders)
This article is the fifth part of series that appeared in DVZ (Deutsche Verkehrs Zeitung, dvz.de) with the title “Am Wendepunkt”. (In German)

Erinnern Sie sich an meine letzte Kolumne? Die, in der ich das Käptn-Blaubär’sche Zamonien als Bild zur Charakterisierung nachhaltiger Logistik bemüht habe? Ich hatte den Text vorab einigen Menschen zum Lesen gegeben. Die Reaktionen waren gemischt: von „Bitte mehr davon“ bis zu irritiertem Stirnrunzeln. Ist das ein Problem? Ich finde nicht. In der Nachhaltigkeitskommunikation passiert genau das viel zu selten: dass Texte überhaupt etwas auslösen.
Unsere Sprache ist häufig defensiv und rechtfertigend. Nachhaltigkeit erscheint als Problem, das man möglichst geräuschlos und ohne größere Aufregung abarbeiten möchte. Lösungen werden erklärt, als müssten wir uns für sie entschuldigen. Und wer so spricht, landet fast zwangsläufig bei Formaten, die genauso klingen: Berichte und Pressemitteilungen. Pflichtkommunikation also, die höflich, sauber und nicht angreifbar ist, aber eben unendlich langweilig. Und das ist kein Zufall. Die Art, wie wir über Nachhaltigkeit denken, prägt die Form, in der wir über sie sprechen. Und diese Form wiederum prägt, wie die Empfänger der Inhalte sie aufnehmen.
Ein gutes Beispiel dafür ist der E-LKW. Die informierte öffentliche Debatte (blenden wir diejenigen kurz aus, die Wissen gern durch Meinung ersetzen) kreist vor allem um Reichweitenprobleme, fehlende Ladeinfrastruktur und unpassende Förderung. Also um Grenzen. Warum aber reden auch wir Nachhaltigkeits-Aficionados so selten mit leuchtenden Augen über den spektakulären Fahrkomfort, die Ruhe, neue Möglichkeiten der Nachtlogistik oder die wachsende Attraktivität für Fahrerinnen und Fahrer? Nicht weil das unserem Publikum egal wäre, sondern weil wir offenbar gelernt haben, Nachhaltigkeit zuerst als Einschränkung zu erzählen.
Wenn Nachhaltigkeit vor allem problemorientiert und gelegentlich gar ängstlich besprochen wird, entstehen weder inspirierender Austausch noch Energie. Das eine Pflicht-Panel zu Nachhaltigkeit auf jeder Logistik-Veranstaltung? Immer artig, immer nett, immer korrekt. Und genau deshalb vermutlich folgenlos. Warum gibt es zum Beispiel keine Nachhaltigkeits-Fuck-up-Nights? Abende, an denen wir erzählen, welche Klimaschutzidee gescheitert ist, warum sie gescheitert ist und was wir daraus gelernt haben. Ohne Best-Practice-Liste, ohne Win-Win-Romantik, aber mit Ehrlichkeit, Humor und echten Erkenntnissen. Nicht als neues Allheilmittel, sondern als ein Beispiel dafür, wie anders Nachhaltigkeitskommunikation aussehen könnte. Oder warum gibt es so wenige Werkstattformate, in denen unperfekte Lösungen gezeigt werden? In denen z.B. kleinteilige CO₂-Daten nicht aus Berichtsverpflichtung präsentiert werden, sondern als Ausgangspunkt für die Frage: Was könnten wir damit eigentlich noch anfangen? Vielleicht brauchen wir weniger perfekte Geschichten und mehr echte.
Ich bin da keine Ausnahme. Seit Jahren trage ich die Idee eines Kartenspiels mit mir herum, das Effizienzmaßnahmen im Straßengüterverkehr spielerisch vergleichbar macht. Karten auf den Tisch, Diskussion an. Umgesetzt habe ich es bis heute nicht, denn: Kann man die Einsparpotenziale wirklich verallgemeinern? Und käme ich überhaupt auf 32 Lösungen für ein volles Kartenspiel? Gleichzeitig erinnere ich mich aber daran, dass aus einer anderen halbfertigen Idee, die ich irgendwann doch laut ausgesprochen habe, das Logistik-Wimmelbuch entstanden ist. Plötzlich wurde in Kinderzimmern über unsere Branche gesprochen, in die wir sonst kaum Zugang bekommen hätten. Vielleicht ist das Kartenspiel noch nicht entstanden, weil ich es zu sehr als perfektes Produkt denke und zu wenig als unperfektes Gesprächsangebot.
Form und transportierbarer Inhalt der Nachhaltigkeitskommunikation sind also eng miteinander verbunden. Unser größter Hebel liegt wohl darin, nicht noch besser zu erklären, warum Nachhaltigkeit wichtig, aber schwierig ist, sondern neue Räume zu schaffen, in denen man Lust bekommt, sich mit ihr zu beschäftigen. Wenn Nachhaltigkeit weiterhin wie ein Rechtfertigungsprojekt klingt, wird sie auch so behandelt. Und wer sich ständig rechtfertigt, gestaltet nicht.
Wir müssen reden. Aber eben anders.







