Supply Chain 2035: Die neue Ära der Logistik: KI und Robotik im Einsatz?

Dieser Artikel ist die Langfassung des fünften Teils einer sechsteiligen Serie, die derzeit in der DVZ (Deutsche Verkehrs Zeitung, dvz.de) erscheint und die Zukunft jedes einzelnen Knotens in der Lieferkette analysiert. Zusammen mit SAP haben Prof. Hoberg und sein Team im letzten Jahr untersucht, wie sich Lieferketten in Zukunft voraussichtlich entwickeln werden, und dabei auf Beiträge von 660 Lieferkettenexperten zurückgegriffen.

The image shows several small, colorful block-shaped figures—red, blue, and yellow—arranged on a white surface. Each figure sits at a different point along a series of dotted, branching lines that resemble a flowchart or network map.

In Teil 5 der Serie zur „Supply Chain der Zukunft“ rücken Transport- und Lagerlogistik in den Mittelpunkt – dort, wo Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Transparenz über Kosten, Service und Resilienz entscheiden. Die gemeinsame Studie von SAP Business Consulting und der Kühne Logistics University zeigt deutlich: Wer Prozesse stringent digital vernetzt, kann Engpässen vorbeugen, Kosten senken und Servicelevel erhöhen. Zugleich macht die Erhebung aber auch deutlich, dass die Ambitionen vieler Unternehmen im Bereich Transport- und Lagerlogistik für 2035 überraschend verhalten sind – weniger, weil die Technologien fehlen, sondern weil deren Umsetzung neben allen derzeitigen operativen Herausforderungen schwerfällt.

Der globale Wettbewerbsdruck steigt und der Handlungsdruck hinsichtlich Effizienz und Kostenoptimierungen bleibt hoch. Energie, Transport und Personal verteuern sich, Wachstumsimpulse im Industriesektor sind in vielen entwickelten Ländern rar, und Effizienz entsteht nicht mehr nebenbei. Schon kleine Verbesserungen bei Durchlaufzeiten, Auslastung oder Fehlerraten wirken sich unmittelbar auf Liefertermine und Kosten aus. In produzierenden Unternehmen bildet die Logistik das Rückgrat stabiler Abläufe und Stillstand ist daher nicht optional. Parallel verschärft der Fachkräftemangel oft den Handlungsdruck: In Deutschland und anderen Länderin sind Jobs in Lager und Transport sind immer schwieriger zu besetzen, besonders dort, wo Prozesse noch manuell und fragmentiert gelebt werden. 

Aufgaben müssen künftig anders gelöst werden – durch höhere Automatisierung, gezielte Assistenzsysteme, den Einsatz von KI und das mutige Neudenken von Prozessen. Vor dem Hintergrund des gestiegenen Handlungsdrucks zeichnen die Ergebnisse einer im April 2025 durchgeführten Umfrage ein gemischtes Bild: 39 Prozent der Befragten erwarten bis 2035 eine deutlich stärkere Digitalisierung und datengetriebene Lagerprozesse mit erheblichen Fortschritten in Reaktionsfähigkeit und Transparenz. 28 Prozent rechnen mit dem Einsatz fortgeschrittener Technologien wie autonomen Fahrzeugen oder Drohnen in Transport- und Materialflussszenarien, weitere 28 Prozent sehen KI-Agenten als integrale Unterstützungswerkzeuge für Disponenten, Lagerführung und Fahrer. Hinzu kommen 20 Prozent, die vernetzte Ökosysteme mit Echtzeit-Datenaustausch über Unternehmensgrenzen hinweg erwarten. Die Richtung ist also klar, allerdings erscheinen die Erwartungen im Vergleich zu den technologischen Perspektiven und bereits existierenden Use-Cases moderat. Einer der möglichen Gründe: Die Vision existiert, doch es fehlt oft an klaren Umsetzungsplänen, da Zeit, Know-how und Ressourcen knapp sind. Viele Unternehmen hinken mit der Modernisierung ihrer Prozesse und Systeme hinterher und können daher die Potentiale innovativer Technologien und Echtzeitdaten nicht in erforderlichem Maß in ihren Arbeitsalltag und die Entscheidungsfindung integrieren.

Die Umfrage legt zugleich Schwächen in der aktuellen Situation offen: Nur 17 Prozent der 180 befragten Unternehmen nutzen Echtzeitdaten umfassend zur Lageroptimierung. Lediglich 9 Prozent setzen im Transportbereich auf Echtzeittransparenz mit präzisen Ankunftszeitprognosen und nur 6 Prozent haben kollaborative Planungs- und Ausführungsmodelle mit Partnern etabliert. Positiv zu erwähnen ist, dass 19 Prozent der Unternehmen bereits erste Erfahrungen mit generativer KI gesammelt haben – in diesem neuen Feld sind also durchaus Fortschritte erkennbar. Insgesamt zeigen die Zahlen jedoch, dass die flächendeckende Umsetzung digitaler Innovationen in der Praxis noch deutlich hinter den Möglichkeiten zurückbleibt.

Was ist zu tun? Für eine erfolgreiche Umsetzung von Innovationen braucht es eine klare, priorisierte Strategie und die Bereitschaft Prozesse und Technologien anzupassen – gestützt durch umfassende und hochwertige Daten, intelligente Analytik und effektive Orchestrierung. Zum einen bedarf es eines belastbaren digitalen Rückgrats, das Prozess- und Sensordaten in ein konsistentes Lagebild über Transport, Hof und Lager integriert. Dabei ist sowohl die Orchestrierung innerhalb des Unternehmens als auch der Datenaustausch über Unternehmensgrenzen hinweg entscheidend. Diese Daten bilden die Grundlage für KI-gestützte Entscheidungslogiken, wie prädiktive ETA-Prognosen, dynamische Kapazitäts- und Slot-Steuerungen, sowie die Erkennung von Anomalien. KI-Agenten sollen Routineaufgaben übernehmen, Ausnahmen strukturieren und geeignete Handlungsoptionen bieten. Des Weiteren halten KI-Technologien zunehmend Einzug in physische Prozesse der Logistik, wo viele Experten weitere bahnbrechende Entwicklungen erwarten – sowohl im Software- als auch im Hardwarebereich. Dazu gehören flexibler werdende Roboter und Cobots, die mit innovativen Geschäftsmodellen verbunden sind (z.B. Modelle, bei denen Roboter zur Abarbeitung von saisonalen Lastspitzen flexibel ausgeliehen werden können). Eine schnelle Anbindung und das Hoch- und Herunterskalieren dieser Lösungen an bestehende Systeme sind dabei entscheidend. 

Um den Wandel zu innovativen Technologien und Prozessen zu bewerkstelligen ist es essenziell, kulturelle Widerstände proaktiv anzugehen und effektives Change-Management zu implementieren. Damit Innovationen auf sämtlichen Unternehmensebenen Einzug halten können, müssen Führungskräfte eine ganzheitliche Vision vermitteln und Beschäftigte aktiv in den Veränderungsprozess einbeziehen. Eine offene Kommunikationskultur und kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeitenden helfen, ein positives Umfeld zu schaffen, in dem technologische Neuerungen Akzeptanz finden.

Warum bleiben die Ambitionen dennoch gedämpft? Viele Unternehmen stemmen gleichzeitig mehrere Transformationsprojekte. Die Logistik wird immer noch häufig als reine Kostenstelle betrachtet und rutscht in der Priorität nach hinten – obwohl sie oftmals schnelle und messbare Effekte liefert. Der erste Schritt, um dieses Potenzial systematisch zu erschließen, kann je nach Unternehmenskontext beispielsweise die Erarbeitung einer Innovations‑Roadmap sein. Diese identifiziert klare Handlungsfelder und Engpässe und verknüpft Geschäftsziele mit der passenden Technologiewahl: nicht nur „Welcher Roboter?“, sondern „Welches Problem, welcher Fluss, welche Engstelle – und welche Maßnahme skaliert über Standorte?“.

Unser Appell: lieber jetzt beginnen als zu spät aufholen. Die Technologien sind einsatzbereit, der Handlungsbedarf ist vorhanden und der Marktdruck nimmt zu. Wer die Umsetzung als kontinuierlichen Prozess versteht mit klarer Roadmap, iterativer Skalierung und messbaren Effekten, schließt die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit – und verwandelt die Logistik von einem oftmals eher reaktiven Element der Wertschöpfungskette in einen strategischen Vorteil.

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