Game over für Nachhaltigkeit? Von wegen.

This article is the third part of a five-part series that appeared in DVZ (Deutsche Verkehrs Zeitung, dvz.de) with the title “Am Wendepunkt”. (In German)

Sich für Nachhaltigkeit zu engagieren, ist dieser Tage nicht leicht. Das unwürdige Geschacher um CSRD und Verbrenner-Aus ist da noch das kleinere Übel. Immerhin sprechen wir hier von einem „normalen“ politischen Prozess. Was wirklich irritiert, ist das anhaltende Störfeuer aus den USA. Klimawandel? Ein großer Schwindel. Umweltschutz? Zu teuer, zu unbequem, gestrichen. Inklusion und Vielfalt? Diskriminiert die Privilegierten und ist zurückzudrehen.  Biodiversi… was?

Man könnte das als Irrungen einzelner Herren in Washington abtun und sich beruhigen: Die operativen Entscheidungen über Nachhaltigkeit werden doch in Unternehmen getroffen. Dort, wo die Hebel zur Reduzierung des Treibhausgasausstoßes oder zur Gestaltung inklusiver und vielfältiger Arbeitsumgebungen tatsächlich liegen.

Und dann sehen wir die Bilder der Silicon-Valley-Anführer am präsidialen Konferenztisch, freundlich nickend, voll des Lobes für den neuen Kurs. Was kümmert Mark sein Geschwätz von gestern? Man liest, dass globale Konzerne von Deloitte bis hin zu Starbucks ihre Programme zur Förderung von Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion in den USA zurückfahren. Ganz selbstkritisch: Man habe den Bogen einfach überspannt. Klimaziele werden abgeschwächt oder zurückgenommen. Wer standhaft bleibt, spricht seltener drüber. Auch europäische Unternehmen kommen unter Druck, und einige geraten ins Wanken. Da kann man sich schon fragen: War’s das jetzt? Ist Nachhaltigkeit passé, weil es politisch in wirtschaftlich wichtigen Teilen der Welt gerade opportun ist, sie abzuwickeln? 

Ich muss gestehen, dass sich beim Lesen des obigen Absatzes bei mir ein leichtes Gefühl der Resignation einschleicht. Aber ist das gerechtfertigt? Was sagen die Fakten? Der kanadische Wissenschaftler Jury Gualandris hat kürzlich Daten aus mehreren Umfragen und wissenschaftlichen Studien zusammengetragen. Diese zeichnen ein weniger pessimistisches Bild.

Erstens: Die Anti-ESG-Bewegung ist laut, aber weitgehend wirkungslos. Rund 85 Prozent der entsprechenden Aktionärsanträge in den USA sind 2025 gescheitert oder gar nicht erst zur Abstimmung gekommen.

Zweitens: Auch die oben angesprochenen großen Unternehmen rudern nicht alle zurück. Von den in einer Studie untersuchten 75 der größten Firmen in den USA und Europa haben über 80 Prozent ihre Nachhaltigkeitsprogramme 2025 beibehalten oder sogar ausgeweitet.

Drittens: Lieferketten selbst werden zu Multiplikatoren. Eine Untersuchung von über 40.000 globalen Buyer-Supplier-Beziehungen zeigt: Zulieferer richten sich zunehmend an den nachhaltigsten Kunden aus und nicht zwingend an den größten oder profitabelsten. Nachhaltigkeit ist hier also kein moralisches Add-on, sondern geschäftliche Logik.

Viertens: Auch Investoren ziehen sich nicht aus ESG zurück, im Gegenteil. Der norwegische Staatsfonds, mit 1,8 Billionen Dollar der größte der Welt, hat seinen Nachhaltigkeitsfokus 2025 erneut verschärft und 49 Unternehmen desinvestiert, die hinterherhinken.

Und fünftens: Global bleibt die Relevanz von Nachhaltigkeit hoch. Eine Befragung von mehr als 1.200 Unternehmen in 97 Ländern durch Forschende des MIT zeigt: 85 Prozent halten an ihren Zielen für nachhaltigere Lieferketten fest oder intensivieren diese, trotz politischer Rückschläge und wirtschaftlicher Unsicherheit. Die Autoren vermitteln dies direkt im Titel ihrer Studie: „Sustainability still matters“.

Mit anderen Worten: Die Gegenbewegung mag laut sein, doch die Transformation läuft weiter. Natürlich: Jede isoliert vorgetragene Zahl aus einer Studie ist zwingend mit Vorsicht zu genießen. Und auch das Verständnis von Nachhaltigkeit kann bei Befragungen stark schwanken.  Aber all diese kleinen und großen empirischen Befunde deuten grundsätzlich auf dasselbe hin: Unternehmen, in den USA wie international, folgen nicht mehrheitlich der anti-nachhaltigen Agenda, die auch zu uns über den Atlantik weht. Im Gegenteil, wir könnten einen Wendepunkt erreicht haben, an dem Nachhaltigkeit breite, institutionalisierte Unterstützung quer durch Branchen und Länder genießt.

Und was bedeutet das für die Logistik? Für die Logistik ist diese Erkenntnis mehr als nur akademisch, denn sie steht mitten im Sturm globaler Veränderungen. Wer wartet, bis sich „die Lage beruhigt“, wird feststellen: Sie beruhigt sich nicht. Nachhaltigkeit bleibt, und zwar nicht aus „woker Ideologie“, sondern aus betrieblicher Notwendigkeit. Energie wird teurer, CO₂-Bilanzen werden Teil von Ausschreibungen, Geschäftspartner verlangen Transparenz über soziale Standards. 

Darum, liebe Nachhaltigkeitsverantwortliche: Lasst euch nicht irritieren. Nur weil die politische Großwetterlage sich verändert, heißt das nicht, dass euer Kurs falsch ist. Im Gegenteil, gerade jetzt braucht es Menschen, die Rückgrat beweisen, wenn andere ihres verlegt haben.

Und an die Führungskräfte: Wer bei Nachhaltigkeit jetzt den „Pauseknopf“ drückt, wettet gegen die Zukunft. Denn während ihr bremst, investieren Wettbewerber weiter. Logistikunternehmen, die heute weiter an alternative Antriebe, Kreislaufprozesse und soziale Standards denken und entschlossen handeln, sichern sich nicht nur Aufträge, sie sichern sich Personal, Partner und gesellschaftliche Legitimation. Wie sagte angeblich schon Peter Druckers weniger bekannter Bruder? Endurance eats opportunism for breakfast.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus der wachsenden Verunsicherung: Nicht die Nachhaltigkeit wankt, sondern unser Mut, sie zu verteidigen. Wer jetzt Haltung zeigt, beweist nicht Idealismus, sondern Weitsicht.

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