KLU stärkt Forschung zur krisenfesten Lebensmittelversorgung
Wie bleibt die Lebensmittelversorgung in Deutschland handlungsfähig, wenn Energie, IT oder Logistik ausfallen? Seit dem Start des Forschungsprojekts KRITIS-ENV im Frühjahr 2024 arbeitet ein Team der Kühne Logistics University (KLU) um Prof. Dr. Hanno Friedrich an dieser Frage. Was als Projekt zur besseren Zusammenarbeit zwischen Behörden und Unternehmen der Ernährungswirtschaft begann, ist inzwischen ein breiterer Forschungsschwerpunkt: Mit KRITIS-ENV, dem neuen Projekt FORTE und der Zusammenarbeit mit dem Food Cluster Hamburg bringt die KLU Forschung, Verwaltung und Praxis enger zusammen.

Pandemie, Krieg, mögliche Gas- oder Energieknappheit sowie Störungen in IT und Logistik haben gezeigt, wie anfällig auch gut funktionierende Versorgungssysteme sein können. Gerade im Bereich Ernährung ist die Abstimmung zwischen Staat und Wirtschaft entscheidend: Die Lebensmittelversorgung ist privatwirtschaftlich organisiert, die Verantwortung für die Versorgung der Bevölkerung im Krisenfall liegt jedoch beim Staat.
Bessere Entscheidungen in der Ernährungsnotfallvorsorge
Im Projekt KRITIS-ENV entwickelt die KLU gemeinsam mit dem Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und CALPANA innovative Kooperations- und Entscheidungssysteme für die Ernährungsnotfallvorsorge. Ziel ist es, die behördliche Handlungsfähigkeit bei möglichen Störungen der Lebensmittelversorgung zu verbessern.
Dafür entstehen unter anderem IT-gestützte Kommunikationsplattformen, Entscheidungshilfen und Informationsgrundlagen, die den Austausch zwischen Behörden und Unternehmen erleichtern sollen. Schon beim Projektstart wurde deutlich, wie groß der Koordinationsbedarf ist: 21 Behörden auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene sowie zehn private Unternehmen – darunter Lidl, Edeka und Bünting –hatten sich KRITIS-ENV bereits angeschlossen. Workshops und Interviews mit öffentlichen und privaten Akteuren helfen dabei, Anforderungen praxisnah zu entwickeln.
Ein wichtiger Bestandteil sind sogenannte Food Landscapes: Sie visualisieren Wertschöpfungsketten einzelner Lebensmittel und machen sichtbar, welche Akteure, Inputs, Produktionsschritte und Abhängigkeiten für die Versorgung relevant sind. So können Schwachstellen früher erkannt und Maßnahmen im Krisenfall besser geplant werden.
„Die Rolle des Staates ist zu koordinieren und zu wissen, wie das System funktioniert — aber nicht im Einzelnen zu steuern“, sagt Prof. Dr. Hanno Friedrich, Associate Professor of Freight Transportation an der KLU. „Der Staat muss die Lebensmittelwirtschaft befähigen zu arbeiten — das ist seine Rolle, nicht selbst Lebensmittel herzustellen.“
FORTE untersucht Kaskadeneffekte zwischen kritischen Infrastrukturen
Das 2026 gestartete Projekt FORTE erweitert den Blick auf mehrere kritische Infrastrukturen. Neben Ernährung werden auch Energie, Informationstechnik und Telekommunikation sowie Transport und Verkehr betrachtet. FORTE untersucht, wie Störungen in einem Sektor auf andere Bereiche übergreifen können.
Wie überraschend solche Abhängigkeiten sein können, zeigt ein Beispiel aus der Lebensmittelproduktion: Wenn infolge einer Gasmangellage Chemieunternehmen weniger Natronlauge produzieren, kann das auch die Milchverarbeitung treffen — denn dort werden Maschinen täglich mit Natronlauge gereinigt. Solche Kaskadeneffekte sind oft nicht sichtbar, solange Systeme funktionieren. In der Krise können sie jedoch entscheidend werden.
Ziel von FORTE ist es, Bedrohungssituationen, Abhängigkeiten und Kaskadeneffekte zu erfassen und zu modellieren. Daraus sollen praxisnahe Anwender-Tools entstehen, die Krisenszenarien und Entscheidungssituationen für Wirtschaft, Staat und Verwaltung verständlicher machen.
Enger Austausch mit dem Food Cluster Hamburg
Ein aktueller Praxisanker ist die Zusammenarbeit mit dem Food Cluster Hamburg. Bei einem Workshop an der KLU kamen die Projektteams von KRITIS-ENV und FORTE mit Unternehmen der Ernährungswirtschaft ins Gespräch. Im Mittelpunkt standen Erfahrungen mit Krisen in der Lebensmittelproduktion sowie mögliche Kaskadeneffekte zwischen Ernährung, Energie, IT und Logistik.
Für die KLU ist der Austausch mit dem Food Cluster Hamburg besonders wertvoll, weil Forschungsergebnisse frühzeitig mit Unternehmen entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette gespiegelt und in konkrete Ansätze für eine resilientere Ernährungsnotfallvorsorge übersetzt werden können.
Relevanz für Unternehmen wächst
Die Forschung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der Schutz kritischer Infrastrukturen regulatorisch stärker in den Fokus rückt. Welche Unternehmen der Lebensmittelbranche künftig im Detail unter neue KRITIS-Anforderungen fallen, hängt nicht allein von ihrer Größe ab. Entscheidend ist auch, welche Rolle sie für die Versorgung spielen und wie stark andere Akteure von ihnen abhängen. Auch Betriebe, die zentrale Zutaten oder Vorprodukte für Grundnahrungsmittel liefern, können für Versorgungsketten relevant sein.
Genau hier setzen die Food Landscapes der KLU an. Sie helfen, Akteurstypen zu identifizieren, Abhängigkeiten sichtbar zu machen und Schwachstellen im System besser zu verstehen. Damit liefern KRITIS-ENV und FORTE praktische Orientierung für Behörden und Unternehmen, die ihre Rolle in der Versorgungssicherheit besser einschätzen wollen.
„Viele kritische Unternehmen wissen gar nicht, dass sie kritisch sind“, sagt Friedrich. Bewusstsein zu schaffen, sei deshalb ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einer resilienteren Lebensmittelversorgung.







