Warum die Ideen anderer Ihr geheimer Innovationsmotor sein können

von Prof. Dr. Christina Raasch

Wir kennen das Problem alle: Eigentlich sollen wir uns auf unsere eigene Arbeit konzentrieren, ob als Forschende, Führungskräfte oder technische bzw. administrative Expert:innen. Und doch landen ständig die Ideen anderer auf unserem Tisch: Papiere zu lesen, Berichte zu prüfen und Präsentationen zu überstehen – allesamt mit Ideen für Produkt- oder Prozessverbesserungen, neuen Projekten und neuen Lösungen für alle möglichen Probleme. Nervig, oder? Viele von uns glauben, dass diese ständige Bewertung uns ablenkt und wertvolle kreative Energie raubt. Überraschenderweise zeigt die Forschung jedoch das Gegenteil: Das Bewerten von Ideen kann unsere eigene Innovationskraft sogar steigern.

Warum Organisationen auf Ideengenerierung fokussieren und dabei Potenzial verschenken

Viele Organisationen setzen fast ausschließlich auf die Generierung neuer Ideen. Open-Innovation-Ansätze, interne Communities und Ideenmanagementsysteme liefern unzählige Vorschläge für Produkte, Prozesse und Strategien. Doch jemand muss diese Ideen auch bewerten. Oft befürchten Unternehmen, dass diese Aufgabe kreative Talente zu Gatekeepern degradiert, die nur noch Ideen anderer prüfen, statt selbst kreativ tätig zu sein. Neue Forschung zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild.

 

 

Was die Daten zeigen: Bewertung fördert Kreativität

Eine groß angelegte Studie mit über 185.000 Ideen in einem Industrieunternehmen fand heraus, dass das Bewerten von Ideen die Kreativität nicht hemmt, sondern fördert. Entscheidungsträger:innen generierten 80 % mehr eigene Ideen an genau dem Tag, an dem sie Ideen anderer beurteilt hatten, und dieser Effekt hielt bis zu zwei Wochen an. Noch beeindruckender: Die Qualität der neuen Ideen war höher als sonst, mit 19 % mehr Wert und einer höheren Wahrscheinlichkeit für echte Spitzenergebnisse. Warum? Der Kontakt mit neuen, insbesondere ungewohnten Ideen liefert wertvolles Rohmaterial, das Menschen nutzen, um Wissen neu zu kombinieren und Probleme innovativ zu lösen. Sie kopieren nicht, sie denken neu.

 

Was Führungskräfte daraus lernen können

Für Manager:innen ergeben sich daraus wichtige strategische Implikationen. Erstens: Eine wirkungsvolle, wenn auch indirekte Methode, Mitarbeitende zu neuen, hochwertigen Ideen zu motivieren, ist es, sie andere Ideen bewerten zu lassen. Besonders Lerngewinne entstehen, wenn mehrere Bewertende zusammen alle relevanten Aspekte abdecken, jedoch individuell mit einigen Aspekten nicht vertraut sind. Zweitens: Statt Mitarbeitende in der Organisation rotieren zu lassen, um neue Perspektiven zu schaffen, kann es effektiver sein, Ideen selbst stärker zirkulieren zu lassen. Sie lösen dann eine Kettenreaktion neuer Ideen aus. Drittens: Je mehr Personen in Bewertungsprozesse einbezogen werden, desto stärker engagieren sie sich anschließend auch in der Ideengenerierung, und die Vielfalt der Ideen steigt.

 

Fazit: Machen Sie Bewertung zum Innovationsmotor

Kurz gesagt: Wenn Bewertung nicht als lästige Pflicht, sondern als bewusst eingesetztes Kreativitätsinstrument verstanden wird, kann sie enorme Innovationspotenziale freisetzen. Das nächste Mal, wenn Ihr Team über eine weitere Bewertungsrunde stöhnt, denken Sie daran: Genau diese Bewertungen könnten der Funke für den nächsten Durchbruch sein. Manchmal entstehen neue Ideen nicht durch mehr Nachdenken, sondern durch Lesen, Lernen und die Inspiration durch andere.

Papier: Schnier, J., Raasch, C., Schweisfurth, T. Crowding-Out or Crowding-In? The Effects of Idea Evaluation on Evaluators’ Idea Generation, Management Science (in Kürze erscheinend).

 

 

Prof. Dr. Christina Raasch

Prof. Dr. Christina Raasch ist Professorin für Digitale Wirtschaft an der KLU. Sie hat eine gemeinsame Berufung mit dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, wo sie Teil des Forschungszentrums mit den Schwerpunkten Innovation und internationaler Wettbewerb ist. In ihrer Forschung untersucht Professor Raasch, wie die Digitalisierung Innovationsprozesse und -ergebnisse innerhalb und außerhalb etablierter Unternehmen verändert. Ihre aktuellen Forschungsprojekte konzentrieren sich unter anderem auf effektive Ideenfindung und -bewertung, Crowdfunding für Unternehmen und disruptive Innovationen durch und mit Kunden.

 

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