Indien verstehen – Eine Delegationsreise zwischen Delhi, Mumbai und Chennai

von Jan Ehlers

Es dauerte zwei Tage in Delhi, bis ich wirklich ankam – nicht im Hotel, sondern gedanklich. Die Stadt empfing mich mit einem unaufhörlichen Hupkonzert, dichten Menschenmengen und einem Geflecht aus Rikschas, Motorrädern und Autos. Geräusche, Gerüche und Gesten wirken anders als alles, was wir aus Europa kennen.

Zunächst ist das überwältigend. Als Europäer fällt man sofort auf, wird angesprochen, erhält Hilfe – und merkt zugleich, wie ungewohnt dieses Umfeld ist. Dieses Gefühl der Desorientierung wurde für mich zum Schlüssel, die wirtschaftliche Dynamik Indiens anders zu verstehen.

Der politische Rahmen: Hamburg als Brücke

Nach dieser Phase des Ankommens entfaltete die Delegationsreise ihre eigentliche Wirkung. Gemeinsam mit Hamburgs Wirtschaftssenatorin Dr. Melanie Leonhard und einer hochrangigen Delegation aus Politik, Verbänden, Hafen- und Logistikunternehmen, Start-ups und Hochschulen reisten wir nach Delhi, Mumbai, Chennai und Bengaluru.

Der politische Rahmen ist eindeutig: Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, Besuche europäischer Spitzenpolitiker sowie wachsende Städtepartnerschaften sollen die wirtschaftlichen Beziehungen deutlich vertiefen. Hamburg versteht sich dabei als Brücke zwischen dem deutschen Logistikökosystem und den indischen Metropolen.

Delhi: Maritime Vision und Künstliche Intelligenz

Ein frühes Highlight war das Treffen im indischen Ministerium für Häfen, Schifffahrt und Wasserwege. Dort erhielten wir Einblick in die „Maritime Vision 2047“. Ziel ist es, Indien als globales maritimes und logistisches Drehkreuz zu positionieren.

Dahinter stehen massive Investitionen: neue Tiefseehäfen, bessere Hinterlandanbindungen, multimodale Korridore, Ausbau der Binnenwasserstraßen und eine konsequente Digitalisierung logistischer Prozesse.

Für Verantwortliche in Lieferketten bedeutet das: Routen, Knotenpunkte und Kostenstrukturen werden sich in den kommenden Jahren deutlich verändern – und schneller, als man vom Schreibtisch aus erwartet.

Ein Briefing in der Deutschen Botschaft und der Besuch des Indian AI Summit ergänzten diese Perspektive. Die Botschaft machte deutlich: Es existiert bereits umfangreiche Zusammenarbeit zwischen deutschen und indischen Unternehmen – zugleich bleibt großes ungenutztes Potenzial. Der AI Summit zeigte, welchen Stellenwert Künstliche Intelligenz in Indien einnimmt. Für ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen und ambitionierten Wachstumszielen ist KI kein Experimentierfeld, sondern ein zentraler Hebel.

Mumbai: Unternehmergeist, Hafenwirtschaft und Kooperation

In Mumbai rückten Unternehmergeist und Hafenwirtschaft in den Fokus. Bei der Deutsch-Indischen Handelskammer trafen wir auf Start-ups, deren Lösungen vielfach auf Augenhöhe mit europäischen Angeboten liegen – teilweise darüber hinaus.

Besonders auffällig ist die „Fail-fast“-Mentalität: ein bewusster Umgang mit Risiko und Geschwindigkeit, mit dem sich viele deutsche Organisationen noch schwertun.
Am Abend trafen wir Vertreter etablierter Unternehmen – von Reedereien und Logistikdienstleistern bis zu großen Industriekonglomeraten. Die Atmosphäre war von Aufbruchsstimmung geprägt. Gleichzeitig herrschte Einigkeit: belastbare Beziehungen entstehen nur über Zeit, Vertrauen und Verlässlichkeit.

Auch der Austausch mit Hapag-Lloyd zu Investitionsprogrammen in Hafen- und Hinterlandinfrastruktur zeigte: Indien nimmt seine Rolle in globalen Lieferketten sehr ernst. Für internationale Unternehmen entstehen neue Routen, Kapazitäten und Möglichkeiten zur Mitgestaltung.

Ein besonderer Höhepunkt war der Besuch am Indian Institute of Management (IIM) Mumbai. Als eine der führenden Business Schools Indiens mit starken Wurzeln in Engineering, Produktion und Operations ist es ein naheliegender Partner für die KLU.

Die Gespräche waren offen und konkret: gemeinsame Forschung, Austauschformate für Studierende und Führungskräfte sowie Kooperationen im Bereich Supply Chain Management. Vieles ist noch offen – aber die Grundlage für eine substanzielle Zusammenarbeit ist gelegt.

Chennai: Hafenlogistik in der Praxis

Der letzte Tag führte uns in Chennai in die operative Realität der Hafenlogistik. Gemeinsam mit der Hamburg Port Authority besuchten wir zwei Terminals und diskutierten Kapazitäten, Digitalisierung und Anbindung.

Besonders eindrucksvoll war die positive Energie auf beiden Seiten. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist spürbar. Gleichzeitig besteht Klarheit darüber, dass belastbare Kooperation Zeit braucht.
Hier zeigt sich eine hanseatische Stärke: langfristige, tragfähige Beziehungen aufzubauen.

Innerhlab der Delegation: Mehr als fachlicher Austausch

Auch innerhalb der Delegation bewegte die Reise viel. Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Start-ups, Hochschulen und Verbänden rückten enger zusammen. Ideen für gemeinsame Projekte entstanden – von Forschung über Recruiting bis hin zu Executive Education.

Die gemeinsame Sicht auf Indien als Zukunftsmarkt verdeutlichte, wie viel Potenzial in einer frühen und koordinierten Zusammenarbeit liegt.

Ankommen – als Haltung

Wenn ich an die ersten Tage in Delhi zurückdenke, erscheinen Lärm, Dichte und scheinbare Unordnung heute wie eine Metapher für die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen: komplex, dynamisch und zunächst schwer zu durchdringen.
Wer genauer hinsieht und sich auf die Vielfalt einlässt, erkennt jedoch ein System in Bewegung – eines mit enormen Chancen.

Wer sich Zeit nimmt anzukommen, Dynamiken zu verstehen und Beziehungen aufzubauen, wird sich orientieren können und früh von einem Markt profitieren, der seine volle Wirkung in globalen Lieferketten erst zu entfalten beginnt.

Jan Ehlers

Jan Ehlers ist Director Executive Education & Business Solutions an der Kühne Logistics University (KLU) in Hamburg. Er verantwortet maßgeschneiderte Weiterbildungsprogramme sowie Kooperationen mit Unternehmen und öffentlichen Institutionen und arbeitet an der Schnittstelle von Wirtschaft, Logistik und internationaler Zusammenarbeit. Sein Fokus liegt auf Executive Education, strategischen Partnerschaften und der Vernetzung europäischer und globaler Logistikökosysteme.

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