
Die ‚Hungerspiele‘ der Lieferketten: Warum Vielfalt nicht immer schützt

Unternehmen wird regelmäßig empfohlen, ihre Lieferantenbasis zu diversifizieren, alternative Bezugsquellen aufzubauen und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten zu vermeiden. Doch was passiert, wenn es kaum Alternativen gibt und die Lieferanten am längeren Hebel sitzen?
Eine neue Studie der Kühne Logistics University (KLU), der Universität Groningen und der Portland State University zeigt, dass einige klassische Beschaffungsstrategien unter solchen Bedingungen wirkungslos oder sogar kontraproduktiv sein können. In Extremfällen kann eine engere Bindung an einen einzigen Lieferanten die Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens sogar erhöhen.
Die im International Journal of Physical Distribution & Logistics Management veröffentlichte Studie untersucht das Phänomen der „unvermeidbaren Lieferantendominanz“ (unmitigable supplier dominance). Gemeint sind Situationen, in denen einkaufende Unternehmen nur über geringe Verhandlungsmacht verfügen und sich aus der Abhängigkeit von mächtigen Lieferanten realistischerweise nicht befreien können.
„Die meisten Beschaffungsstrategien gehen davon aus, dass Unternehmen zwischen verschiedenen Optionen wählen können“, erklärt Associate Professor Tri Mikael Tran, Forschungsdirektor von KLU Asia und Hauptautor der Studie. „Doch manchmal gibt es diese Wahlmöglichkeiten schlichtweg nicht. Die erste Frage lautet dann nicht mehr: ‚Was ist die beste Beschaffungsstrategie?‘, sondern: ‚Welche Strategien sind überhaupt umsetzbar?‘“
Die zentrale Erkenntnis lautet: Bevor Unternehmen eine Strategie auswählen, müssen sie zunächst prüfen, ob diese unter den gegebenen Bedingungen überhaupt umsetzbar ist.
Mehr Lieferanten bedeuten nicht automatisch mehr Resilienz
Die Diversifizierung der Lieferantenbasis gilt grundsätzlich als sicherer als die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter. Allerdings bietet sie nur wenig Schutz, wenn mehrere Lieferanten letztlich von derselben Fabrik, demselben Land, derselben Rohstoffquelle oder derselben Transportroute abhängig sind.
Eine Diversifizierung kann die Position des einkaufenden Unternehmens sogar schwächen. Wenn kritische Güter knapp sind, kann es vorteilhafter sein, das Einkaufsvolumen bei einem bewährten Lieferanten zu bündeln. So kann ein Unternehmen zum bevorzugten Kunden werden und bei Lieferengpässen vorrangig beliefert werden.
Eines der in der Studie untersuchten Unternehmen entschied sich bewusst dafür, einen kritischen Inhaltsstoff ausschließlich von einem einzigen Lieferanten zu beziehen. Obwohl dieser Ansatz den gängigen Grundsätzen der Lieferantendiversifizierung widersprach, trug die enge Geschäftsbeziehung dazu bei, die Versorgung auch in Zeiten knapper Verfügbarkeit sicherzustellen.
„Abhängigkeit wird normalerweise als Risiko betrachtet“, erklärt Tran. „Wenn eine Ressource jedoch tatsächlich knapp und nicht substituierbar ist, kann eine starke Beziehung zu einem mächtigen Lieferanten den Zugang besser sichern als oberflächliche Geschäftsbeziehungen zu fünf verschiedenen Lieferanten.“
Zwei entscheidende Fragen: Wie dringend wird das Material benötigt – und lässt es sich ersetzen?
Statt eine allgemeingültige Beschaffungsstrategie zu empfehlen, raten die Forschenden Unternehmen, zunächst zwei entscheidende Fragen zu klären: Wie dringend werden bestimmte Materialien benötigt und wie leicht lassen sie sich ersetzen?
1. Wie dringend wird das Beschaffungsgut benötigt? Kann die Produktion ohne dieses Material fortgesetzt werden, oder führt eine Lieferunterbrechung unmittelbar zum Stillstand des Betriebs?
2. Wie gut lässt sich das Beschaffungsgut ersetzen? Kann ein anderes Material oder ein anderer Lieferant tatsächlich als Alternative dienen, ohne technische Spezifikationen, Qualitätsanforderungen oder regulatorische Vorgaben zu verletzen?
Diese beiden Dimensionen bestimmen, welche Beschaffungsstrategien unter den jeweiligen Bedingungen überhaupt praktikabel sind.
Bei dringend benötigten und schwer ersetzbaren Gütern kommt es vor allem darauf an, den Zugang durch enge Lieferantenbeziehungen und eine starke Verhandlungsposition zu sichern. Bei dringenden, aber austauschbaren Gütern stehen hingegen Flexibilität und alternative Bezugsquellen im Vordergrund. Bei weniger dringend benötigten Materialien haben Unternehmen dagegen mehr Zeit, alternative Bezugsquellen zu erschließen, Spezifikationen anzupassen oder Verträge neu zu gestalten.
Unabhängig von der jeweiligen Situation bilden Fähigkeiten wie Transparenz entlang der Lieferkette, Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern, vertikale Integration und ein gezieltes Engpassmanagement wichtige Grundlagen für eine widerstandsfähige Lieferkette.
Die Studie basiert auf Untersuchungen bei elf kleinen und mittleren Unternehmen der spanischen Agrar- und Lebensmittelwirtschaft sowie einer Branchenexperten-organisation. Grundlage waren Interviews, die während der schwerwiegenden Lieferkettenstörungen infolge der COVID-19-Pandemie und der russischen Invasion geführt wurden.
Weitere Informationen
Originalpublikation:
Tran, T. M., Aguinaga Oficialdegui, L., & Pullman, M. (2026). „The Hunger Games: Procurement Strategies under Unmitigable Supplier Dominance.“ International Journal of Physical Distribution & Logistics Management, 56(11), 505–528.
DOI: https://doi.org/10.1108/IJPDLM-07-2025-0363
Autorinnen und Autoren:
Tri Mikael Tran (Kühne Logistics University / Universität Groningen), Laura Aguinaga Oficialdegui (Universität Groningen) und Madeleine Pullman (Portland State University).
Associate Professor Tri Mikael Tran: Fakultätsprofil auf der Website der Kühne Logistics University (KLU).
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