Wer hilft mehr – Geringer Verdienende oder Wohlhabende? Es kommt auf die Situation an
Sind Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten hilfsbereiter – oder geben Wohlhabende mehr? Die Forschung liefert seit Jahren widersprüchliche Antworten. Eine neue Studie der Kühne Logistics University (KLU) mit Daten von rund 680.000 Personen löst den Widerspruch auf: Beides stimmt, nur in unterschiedlichen Situationen. Geht es um direkten Kontakt mit Hilfsbedürftigen, schrumpft der Vorsprung der Wohlhabenden. Kostet Helfen Geld, geben sie mehr. Die Ergebnisse sind jetzt im Journal of Experimental Social Psychology erschienen.

Seit einer vielbeachteten Studie aus dem Jahr 2010 streiten Fachleute darüber, wie soziale Schicht und Hilfsbereitschaft zusammenhängen. Die eine Seite argumentiert, Menschen mit weniger Geld und Bildung seien großzügiger, weil sie im Alltag stärker aufeinander angewiesen sind und sich anderen verbundener fühlen. Die andere Seite hält dagegen: Helfen kostet Ressourcen, und wer mehr hat, kann mehr geben. Empirische Studien fanden mal das eine, mal das andere, oft auch gar keinen Zusammenhang.
Beide Lager haben recht
Das Team um den Doktoranden und Erstautor Johannes Stark (ehemals KLU, heute Hong Kong Polytechnic University) zeigt nun in drei aufeinander aufbauenden Studien, dass sich die beiden Perspektiven nicht widersprechen, sondern ergänzen. Eine Neuauswertung eines meta-analytischen Datensatzes mit rund 160 Untersuchungen und rund 680.000 Befragten ergab: Der insgesamt leichte Großzügigkeitsvorsprung höherer Schichten ist deutlich stärker, wenn Helfen Geld kostet – etwa beim Spenden. Er schwindet dagegen, wenn Hilfe direkten persönlichen Kontakt erfordert, etwa wenn jemand konkret Unterstützung braucht.
Warum das so ist, klärten die Forscher mithilfe der Langzeitstudie “Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)” mit Daten von mehr als 8.500 Personen in Deutschland: Menschen aus niedrigeren Schichten erleben eine stärkere Abhängigkeit von anderen. Man hilft sich daher gegenseitig. Menschen aus höheren Schichten haben mehr finanzielle Mittel – und können deshalb mehr spenden. Das bestätigte ein sogenanntes vorregistriertes Experiment mit rund 960 Teilnehmenden: Wer sich auf sein Gegenüber angewiesen fühlte oder über mehr Geld verfügte, teilte großzügiger. Beide Mechanismen wirken also.
„Beide Lager hatten recht – nur eben in unterschiedlichen Situationen. Wer im Alltag auf andere angewiesen ist, hilft eher, wenn jemand direkt vor ihm steht. Wer Geld übrig hat, gibt eher, wenn Hilfe Geld kostet“, sagt der betreuende Professor, Christian Tröster, Experte für Leadership und Organizational Behavior.
Vorsicht vor Pauschalurteilen
Für die Autoren haben die Befunde auch eine gesellschaftliche Botschaft. „Pauschalurteile über die großzügigen Armen oder die knausrigen Reichen führen in die Irre. Ob jemand hilft, hängt weniger vom Kontostand ab als davon, ob die Situation Nähe verlangt oder Geld“, sagt Ko-Autor Niels Van Quaquebeke, ebenfalls Professor für Leadership und Organizational Behavior an der KLU. Wer Hilfsbereitschaft fördern wolle – ob in Nachbarschaften, Unternehmen oder beim Spendensammeln – solle daher die Situation gestalten, statt auf bestimmte Zielgruppen zu setzen. Engagement lässt sich breiter aktivieren, wenn neben finanzieller Unterstützung auch Zeit und persönlicher Einsatz gefördert werden – durch persönliche Begegnungen, freiwillige Mitarbeit und niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten.
Mehr Informationen:
- Originalpublikation: Stark, J., Tröster, C., & Van Quaquebeke, N. (2026). Integrating the sociocultural and economic effects of social class on prosocial behavior. Journal of Experimental Social Psychology, 124, 104885. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2026.104885 (Open Access)
- Prof. Christian Tröster, PhD
- Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke









